Internet-Phänomen Spotted: Armutszeugnis für unsere Flirt Skills

Mann sucht auf Spotted-SeiteSpotted-Seiten wachsen deutschlandweit wie Pilze aus dem Boden. In jeder Stadt, an jeder Uni kann man mit diesen Facebook-Seiten inzwischen nach Menschen suchen, denen man begegnet ist und die man gerne mal wiedersehen würde. Ein weitere Folge der unterentwickelten Flirt-Fähigkeiten der meisten Menschen. Oft reicht es nicht mal für ein Gespräch, so dass nach irgendwelchen Frauen oder Männern gesucht wird, denen man zwei Minuten im Bus gegenüber gesessen hat.

Kennst du “Spotted”-Facebook-Seiten?

Für fast jeden Ort gibt es bereits eine! Dort schreibt man Aufrufe wie: “Ca. 30 jährige Frau, blonde Haare, war Samstag um 14 Uhr beim Metzger auf der XY Straße. Wir haben kurz gesprochen und seitdem kann ich dich nicht mehr vergessen. Melde dich doch!”

Bei dem Gedanken bekomme ich literarische Anfälle, depressive Alltagslyrik strömt mir aus den Fingern. Texte, in denen das lyrische Ich passiv-destruktiv vor Facebook sitzt und stundenlang durch Spotted-Seiten scrollt, in der unambitionierten Hoffnung, irgendwo eine Beschreibung zu finden, die auf ihn passt.

Irgendwann findet er sogar eine, doch bald fällt ihm auf, dass er letzten Mittwoch überhaupt nicht beim Rewe eingekauft hat und folgerichtig auch nicht der charmante Mittzwanziger gewesen sein kann, der der Inserentin den Thunfisch aus dem oberen Regal gereicht hat.

Er kommt ins Grübeln. Im Grunde war er letzte Woche nur drei Mal vor der Tür gewesen. Einmal beim Kiosk um die Ecke um eine Stange Kippen zu kaufen, aber da hat er keine Dame gesehen, außer der 58-jährigen Susi von “Susi’s Kiosk”.

Er glaubt nicht, dass Susi auf Spotted-Seiten inseriert. Er glaubt nicht, dass Susi Facebook kennt. Sie sitzt ja eh den ganzen Tag und die halbe Nacht in ihrem Kiosk. Dort steht nur ein Fernseher. Nach einer Zeit fällt ihm auf, dass er sich nun auch wirklich gar kein Spotted-Inserat von Susi wünscht. Von ihr wünschte er sich nur eine Stange Kippen und die hatte er bereits bekommen.

Später in der Woche war er noch einmal rausgegangen um Geld von der Bank abzuheben. Für den Pizzaboten. Hoffentlich hat der Pizzabote nicht nach ihm inseriert… Aber warum auch? Der Pizzabote weiß ja, wo er wohnt. Der muss nicht inserieren, der kann einfach anklingeln.

Jedenfalls war der Trip zur Bank nachts um 4 Uhr erfolgt. Da hatte er nur drei Obdachlose getroffen, die es sich im warmen Foyer der Bank gemütlich gemacht und einen unangenehmen Pisse-Geruch im Raum verteilt hatten. Menschen, die Pisse-Geruch in Räumen verteilen, haben auch kein Facebook.

Samstag war er mit seinen Kollegen im Stadion gewesen. Das könnte hinhauen! Er intensiviert seine Suche, filtert gezielt Beiträge, die im Zusammenhang mit Fussball oder der Arena stehen. Tatsächlich findet er so einen Beitrag, aber die gesuchte Person hatte “so ein süßes blau-weißes Fan-Top an”. Er hat keine süßen, blau-weißen Fan-Tops – und schon gar nicht an.

Verdammt, jeden Tag inserieren mehr als 100 Leute auf dieser verdammten Spotted-Seite. Irgendwer muss doch auch mal nach ihm gesucht haben.

Er fasst einen Beschluss!

Am nächsten Tag geht er gleich morgens um 10 Uhr zum H&M. Dann heißt es warten. Vormittags ist hier unter der Woche nicht so viel los. Außerdem gibt es hier kaum hohe Regale, aus denen er etwas anreichen könnte, aber egal, dann muss er halt charmant lächeln. Ganz viele Inserate suchen nach diesem einen Typen, der so charmant gelächelt hat.
Als um 12 wirklich niemand, außer den Verkäuferinnen im Laden ist, geht er in eine der Umkleidekabinen und übt sein charmantes Lächeln. Die ersten Versuche sehen für ihn eher gruselig aus. Dann wird es etwas besser. Dann viel schlimmer.

“Hör auf damit!”, denkt er sich. “Ich darf es nicht overthinken.” Einige Momente überlegt er, ob ihm ein passendes, deutsches Wort für “overthinken” einfällt, dann geht er wieder raus zu all den Tops und Jeans. Von den BHs und Höschen hält er sich fern, er will ja nicht als Perverser gelten. Männer, die zu lange bei den BHs und Höschen stehen, werden schnell mal in die Schublade “pervers” gesteckt. Daran, dass man vielleicht einfach nur ein Spotted-Inserat über sich finden möchte, denken die ja alle nicht.

Noch in Gedanken versunken bemerkt er zunächst gar nicht, wie eine junge Dame, brünette Haare, Anfang 20 mit einer viel zu großen, grünen Fransentasche über der Schulter, immer wieder verstohlen zu ihm rüberblickt. Nach einiger Zeit treffen sich ihre Blicke endlich doch. Beide lächeln äußerst charmant, gleichzeitig aber auch ein wenig verlegen. Irgendwann löst sie die Situation auf, legt ihren verruchtesten Blick auf und nickt mit dem Kopf in Richtung Umkleidekabinen.

Er grinst vielsagend zurück und beobachtet, wie sie mit auffallender Betonung auf ihre Hüften und ihr Hinterteil in Richtung Kabinen geht und dort verschwindet, nicht ohne sich kurz vorher noch einmal umzudrehen um ihn zu sich zu winken. Völlig euphorisiert verlässt er den Laden und tritt den Heimweg an.

“Wenn das kein Spotted-Inserat gibt, dann weiß ich auch nicht!”, denkt er bei sich, während er daheim fröhlich pfeifend den PC anschmeißt und aufmerksam die neuen Einträge auf der Facebook-Seite überwacht.

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