Selbstlosigkeit: Wenn das Ego in den Schatten tritt

SelbstlosMir kamen während einer morgendlichen Meditationsphase folgende Gedanken in den Sinn: Das vermeintliche Paradoxon, das sich aus der Beziehung zwischen deinem Selbstbewusstsein und dem Begriff Selbstlosigkeit ergibt, ist die Begriffsdeutung, und die daraus resultierende Frage: Wie kann ich selbstlos sein und gleichzeitig meines Selbst bewusst?

Zunächst dachte ich, ich könnte mich bei meinen Ausführungen an Buddha halten, doch da ich über reichhaltige Bibelkenntnis verfüge, habe ich mich eher an das neue Testament, und die Briefe des Apostel Paulus gehalten, speziell an die Korinther. Wenn man sich Jesu Lehren einmal genauer anschaut, wird man einige Parallelen zu den buddhistischen Lehren entdecken. So gesehen war Jesus auch ein kleiner, wenn nicht sogar der größere Buddha. Man darf jedoch nicht vergessen, dass der Lehrer und der Schüler zusammen nur eine Lehre erzeugen.

Darüberhinaus würde kaum einer, der sich je mit dem Ego, dem falschen Selbst, auseinander gesetzt hat, den meiner Meinung nach wichtigsten Satz Buddhas verstehen „Die Hand, die zum Mond zeigt, ist nicht der Mond“.

Das Ego also, das falsche Selbst, und wie werde ich es selbstlos

Es läuft zwangsläufig darauf hinaus, dass mit dem Begriff selbstlos ein anderes – wahrscheinlich minderwertigeres Selbst gemeint ist.Paulus bezieht sich in den Korinther Briefen auf Streit und Eifersucht unter den ersten Christen und nennt diese Eigenarten “fleischlich”. Dieser Begriff fleischlich kann auch mit dem Begriff Ego umschrieben werden. Als Beispiel dient der Streit der Apostel in Mat. 20 20 – 28- Die Frage, wer von ihnen der Größte sei, impliziert einen Vergleich.

Jesus griff dem zuvor und verwies auf reine, vollkommene Selbstlosigkeit (Egolosigkeit), bedingungslose Liebe und der daraus resultierenden wahren zwischenmenschlichen Größe. Zurück zum Ego aka das “kleine” ich – das durch die Identifikation mit dem Verstand entstandene rationalisierte Selbst.

Wie kannst du dir dies am besten verdeutlichen?

Du lebst mit einer mentalen Vorstellung von dir selbst, mit einem eingebildeten Ich, zu dem du eine Beziehung unterhältst. Dies hört sich zunächst ziemlich schizophren an, und tatsächlich kann man sagen, dass das Ego durch eine Spaltung im menschlichen Geist entsteht, bei der sich die Identität in zwei Teile trennt, die mit „ich“ und „mein“ bezeichnet werden können.

Nahezu jeder Mensch auf dieser Welt ist mit seinem Verstand in Form von Gedanken identifiziert. Es ist eine Form der kollektiven Störung. Manche Menschen reden dabei ihre Gedanken laut zu sich selbst und landen nicht selten beim Therapeuten. Der Mensch tut dies, schon seit er denken kann. Die erste Identifikation kommt mit dem ersten mal, als man als Kleinkind von einem Elternteil gesagt bekommt, „Du“, unterstützt durch das Zeigen mit dem Finger auf einen Selbst und man antwortet als Kind „ich“.

Tatsächlich ist es bei vielen Kindern so (war bei mir auch so), dass sie zuerst nachplappern, indem sie auf sich deuten und „Du“ sagen. Im Laufe der Zeit wird diese Identifikation durch die ersten Sandkasten Erfahrungen gestärkt, indem man zu einem Förmchen im Sand, das erste Mal „meins“ sagt.

Nimmt ein anderes Kind dieses Förmchen weg, obwohl noch viele andere bunte Förmchen im Sand liegen, entsteht das erste zwischenmenschliche Drama. Die Identifikation mit dem Förmchen, und auch mit sich Selbst wird abrupt durchtrennt, und die Lücke im mentalen Selbstbild wird das erste Mal als sehr bedrohlich empfunden. Die Bedrohung wird auch so erlebt, und man weint und schreit, und schlimmstenfalls haut man dem Kind eins auf die Nase.

Wenn ein Elternteil dies mitbekommt, belächelt er/sie das Dilemma, bis zu dem Zeitpunkt, als einem der eben neu gekaufte BMW von einem Autodieb entwendet wird. Eventuell hatte man auch einen wunderschönen Job, der einen ausgefüllt hat, man hat sich mit seiner Stelle, mit seinem Firmenlabel, mit seinem akademischen Grad identifiziert, und huch, man wird gekündigt.

Wer schließt denn nun „meine“ mentale Lücke?

Wer beendet mein Drama, wer beendet meine Depression, die durch das Nachdenken über den Verlust entstanden ist? Wer oder was bin ich, wenn das was mich vermeintlich ausmacht (Job, Auto, Haus, Förmchen, Freundin) auf einmal weg ist? Wenn so ein Verlust als lebensbedrohlich empfunden wird, und sich sogar manche Menschen das Leben nehmen, wenn sie ihren Job verlieren, kann es gar nicht anders sein, als dass eine Identifikation mit den Gedanken stattfand.

Identifikation kommt von den lateinischen Wörtern “idem” und “facere”, das heißt Gleichmachen. Es ist also das Gleichmachen gemeint, wenn ich mich mit etwas identifiziere. Gleichmachen womit? Mit mir! Ich verbinde ein Ichgefühl mit etwas, und so wird es Teil meiner Identität. Eine der grundsätzlichsten Ebenen der Identifikation, ist die mit Dingen. Aus meinem Spielzeug wird später mein Haus, meine Kleidung, meine Yacht, meine Frau – ups – ist Frau ein Ding? Nein – sorry usw.

Das ist der Weg des Ego

Als Jesus sagte, „werdet wie die kleinen Kinder, wenn ihr das Königreich erben wollt!“, dann kann man davon ausgehen, dass er deshalb auf Kinder verwies, weil bei Kindern die Struktur des Egos noch nicht, oder kaum ausgeprägt ist, da die Vergangenheit und die damit verbundene Prägung noch nicht fortgeschritten vollzogen ist. Kinder sind im wesentlichen glücklicher, lachen nachweislich 40 mal am Tag mehr als Erwachsene, leben bewusster.

Eine der Hauptmerkmale des Egos ist das Bedürfnis nach mehr. Das Ego identifiziert sich mit dem Haben, aber die Befriedigung, die ihm das Haben bringt, ist sehr oberflächlich, und nur von kurzer Dauer. Im tiefsten Innern bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit, der Unvollständigkeit zurück, als sei es nicht genug. “Ich habe nicht genug” damit meint das Ego eigentlich “Ich bin noch nicht genug”!

Das Haben ist in der Struktur des Egos eine Fiktion, rein illusorisch. Damit will sich das Ego Festigkeit und Dauer verschaffen, und sich hervortun, als sei es etwas ganz Besonderes. Da wir jedoch durch das Haben nicht zu uns selbst finden, macht sich daneben noch ein stärkerer Trieb bemerkbar, der ebenfalls zur Struktur des Egos gehört: Das Bedürfnis nach mehr, das wir auch Verlangen nennen können. Kein Ego hat auf Dauer Bestand, ohne das Verlangen nach mehr. Deshalb erhält das Verlangen nach mehr das Ego viel stärker lebendig, als das Haben selbst.

Das Verlangen wird durch das falsche Selbst über den Vergleich mit anderen geweckt. Das Ego ist deshalb nichts anderes als eine gedankliche Reflektion (Objektorientiertheit) basierend auf einem Vergleich. Der Vergleich wiederum ist eine Basis für Verlustangst und der Ursprung für Neid und Eifersucht. Ohne Vergleich, und Bewertung hört Eifersucht und Neid auf zu existieren. Wer dachte in einer Notsituation, oder in einer Trennung denn noch nie „am liebsten würd ich mich umbringen!“

Schon einmal daran gedacht, wer hier eigentlich wen umbringen will?

Manche Menschen aber empfinden nach einem schlimmen Verlust einen unglaublichen Frieden, obwohl sie alles verloren haben und machen von vorne weiter. Sie hatten das erste Mal ihr wahres Bewusstsein erlebt, es war ihnen nur nicht wirklich bewusst. Der Verlust hat ihnen gezeigt, dass sie nach der verlorenen Identifikation mit dem verlorenen Objekt noch weiter atmen.

Leider flüchten sich die meisten Menschen in ein neues mental erdachtes Selbstbild und bemitleiden sich, erschaffen sich eine Opferrolle und weinen ihr Leben lang über ihr so schlimmes Schicksal. Hauptsache das mentale Selbstbild bleibt – lieber ein Selbstbild, als gar keines ist ihre Devise, nicht wissend, dass hinter dem Verlust das Ende ihres Leidens steht!

Als Jesus an den reichen Kaufmann appellierte, er möge ihm nachfolgen und sich selbst aufgeben, wird einem deutlich, was diese Worte bei dem Kaufmann ausgelöst haben mochten. All seine Dinge, die Extensionen seiner erdachten Persönlichkeit, hätten bei ihm nicht nur den Verlust seiner Güter bedeutet, sondern gleichzeitig den Verlust seiner Identität, seines vermeintlich falschen Selbst. Dass dieser Verlust ihn jedoch seinem wahren Selbst, näher gebracht hätte, und sein Leiden, seinen inneren Mangel beendet hätte, das konnte er sich natürlich nicht vorstellen.

Buddha bedeutet übersetzt „das Ende allen Leidens“. Würde ich jetzt sagen, ich bin Buddhist, würde ich nur wieder einer erdachten Ideologie nachjagen, einer Identifikation mit einem „Label“ wo „Buddha“ draufsteht. Das ist es nicht. Buddha sagte einst, dass das Ende allen Leidens nur im hier und jetzt möglich ist, nur wie komme ich dahin? Die Antwort lautet – gar nicht, ich bin bereits da, nur nicht in meinen Gedanken, denn Denken braucht (psychologische) Zeit. Ich stelle mir das so vor, dass man als Mensch eine Energieform ist und dieses mentale Selbstbild in Form von Gedanken (Ego) eine eingeschlossene Lebensenergie auf einer anderen Frequenz innerhalb uns selbst ist.

Wenn ich dir jetzt also sage, die Gedanken sind das Problem, dann sagt dein Ego „wie kann ich aufhören zu denken, wie kann ich meine Gedanken stoppen, das ist völlig unmöglich“! Energetisch wird durch diesen Gedanken dein EGO noch mehr gestärkt, der Gedanke kommt durch eine Hintertür wieder herein und die Katze beißt sich in den Schwanz. Das Ziel ist also, dass du dein Bewusstsein kennenlernst, dass du dein wahres Selbst kennen lernst, erst dann bist du – energetisch eins mit allem, die Frequenz passt, du vibrierst auf der richtigen Schwingung. Du siehst die Lücken zwischen den Sternen, wenn du den Abendhimmel ansiehst.

Dann siehst du den Baum, die Katze, den Stein das erste Mal so wie er wirklich ist, alles wird intensiver, du lächelst. Wenn du das irgendwann erlebst, und du versuchst es zu beschreiben, kannst du das was du beschreibst nur wieder in Gedanken wiedergeben, wie eine Postkarte, ein Schnappschuss vom „Selbst Sein“.

OK, weg mit den Gedanken, wie denn?

Durch Annahme – Wenn du es schaffst, jeden Gedanken, der bei dir ankommt als Gedanken zu entlarven, dann bist du ein Erleuchteter. Eine sehr wertvolle Übung ist, dass du dich hinsetzt, möglichst wenn dich niemand stört, die Augen schließt, und dir ein Mausloch vorstellst und wartest, bis deine Gedanken aus diesem Mausloch kommen. (Mein Erste Gedanke, der aus dem Mausloch kam, war übrigens „Ich hätte riesen Lust auf ein „Becks“).

Du wirst merken, dass irgendwann keine Gedanken mehr kommen, dann bist du DU. Man nennt diesen Zustand auch „Nomind“. Durch diese Übung kommst du deinem Bewusstsein immer näher, Frieden und innere Zufriedenheit macht sich breit, du bist was du bist. Du erkennst deine Gedanken als deinen Verstand und nicht als dich selbst! Wenn du dich das erste Mal siehst wer DU wirklich bist, wird es unvergesslich sein, dies wird auf Wikipedia „Satori“ genannt. Ab da weißt Du – Jeden Tag besser, dass die Gedanken wirklich störend sind.

Diese „Was soll ich nur machen, alles ist so scheiße, mein Job nervt so, ich werde immer älter, ich war schon lange nicht im Urlaub“ Gedanken meine ich. Alles Gedanken, die zwar zu Dir gehörig sind, aber nicht „Du“ sind. Du merkst dann, dass sich die Gedanken verfalschselbstständigt haben. Dass der Verstand autonom geworden ist und durch die Annahme, durch das reine Erkennen kommt alles wieder in richtige Bahnen.

Du benutzt schön langsam deinen Verstand, und nicht er Dich. Wärst du dein Verstand, dann könntest du ihn nicht beobachten – so wie der Fisch, der im Wasser lebt, kein Wasser kennt (Danke an Albert Einstein). Als Jesus zur Hinrichtung ging, und gesagt haben mag „Man möge ihnen verzeihen, denn sie wissen nicht was sie tun“ , ist dieser Satz aus der selbstlosen Sicht schon wesentlich nachvollziehbarer – nicht?

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